„Freiwilligendienst im Heimatschutz“ ist blinder Aktionismus

Nun ist er da, der Freiwillige Wehrdienst im Heimatschutz. Seit Beginn der Planungen war dieses Projekt von Annegret Kramp-Karrenbauer in der Kritik und das zu Recht.

Finanzielle Unterschiede

Ich selbst habe 2013/2014 ein Freiwilliges Soziales Jahr im Sport gemacht. Als damaliger Sprecher der Freiwilligendienstleistenden in Schleswig-Holstein bin ich mit vielen anderen sozialen Trägern in Berührung gekommen, die Plätze im Freiwilligendienst (FWD) angeboten haben. Die Vielfalt von FWD-Stellen könnte nicht größer sein. Von der Sportjugend über das Rote Kreuz bis hin zur Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung war alles dabei. Uns Freiwillige einten dabei vor allem zwei Dinge: der Antrieb, sich ehrenamtlich zu engagieren und leere Portemonnaies.

Die Vergütung, die im FWD offiziell „Taschengeld“ genannt wird, beträgt nämlich meist zwischen 300€ und 450€. Ohne Kindergeld und die Beantragung von Wohngeld kann man von dieser Vergütung nicht leben, sofern man nicht mehr bei den Eltern wohnt. Mit diesem Wissen ist die Kritik an dem Projekt des Verteidigungsministeriums umso berechtigter, denn die Vergütung für den Freiwilligen Wehrdienst beträgt 1.400€ netto. Diese maßlose Entscheidung ist ein Schlag ins Gesicht für den restlichen Bereich der Freiwilligendienste in Deutschland. Es ist respektlos gegenüber den Einsatzstellen, den Trägern und den Freiwilligen, wenn freiwillige Soldaten 1000€ mehr für ihren geleisteten Dienst erhalten. Dazu kommt, dass dies eine klare Botschaft an alle übrigen Freiwilligen sendet: „Ihr seid weniger wert!“

Bevorteilung der Bundeswehr

Diese Bevorteilung der Bundeswehr bringt allerdings noch ein ganz anderes Problem mit sich: Es schränkt die freie Auswahl des Freiwilligendienstes ein. Wenn man einen Freiwilligendienst absolvieren möchte, sich aus Geldgründen aber nur für einen Freiwilligen Wehrdienst entscheiden kann, ist das eine Einschränkung. Kramp-Karrenbauer argumentiert, dass „niemandem etwas weggenommen“ wird, da die anderen FWD-Stränge vorher auch nicht besser finanziert waren, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Um nur ein Beispiel zu nennen: Viele Universitäten rechnen Freiwilligendienste im Zulassungsverfahren an, wodurch der NC oft um etwa 0,2 Punkte verbessert wird. Würden Absolvent*innen des Freiwilligen Wehrdienstes zukünftig dasselbe Privileg genießen, diskriminiert dies all diejenigen, die sich aus finanziellen Gründen nicht für ein FWD entscheiden konnten.

Diese Art der Bevorteilung durch einen Dienst bei der Bundeswehr ist nichts neues. Wer bspw. Medizin studieren möchte und kein 1,0 Abitur in der Tasche hat, hat es oftmals schwer. Für viele ist der einzige Weg zu ihrem Traumberuf, sich für einen Wehrdienst zu verpflichten und die Bereitschaft auf sich zu nehmen, an der Waffe zu trainieren und in Auslandseinsätzen in Kriegsgebieten eingesetzt zu werden.

Butter bei die Fische!

Der „Freiwillige Wehrdienst im Heimatschutz“ ist nicht mit einem Freiwilligendienst zu vergleichen. Die Verteidigungsministerin sollte das Programm nicht beschönigen und es als das bezeichnen, was es ist: ein Einsteigerprogramm für eine Laufbahn bei der Bundeswehr. Das nun als einen Freiwilligendienst zu verkaufen ist so, als würde man eine normale Tischlerausbildung plötzlich auf 12 Monate verkürzen und es „Freiwillige Lehre in der Tischlerei“ taufen.

Unser Gegenvorschlag

Es ist schon fast perfide, wie die Bundeswehr junge Menschen umwirbt und versucht, Anreize für eine Karriere an der Waffe zu schaffen. Verharmlosende Formate wie die Serie „Die Rekruten“ oder Werbeplakate wie „Multiplayer at its best“ auf der Gamescom-Messe in Köln sollten der Vergangenheit angehören. Der „Freiwillige Wehrdienst im Heimatschutz“ sollte zurückgenommen werden. Stattdessen sollten die Anstrengungen des Verteidigungsministeriums dafür verwendet werden, sich für eine europäische Armee anstatt der Bundeswehr einzusetzen. Dies würde massive Abrüstung bedeuten, den Haushalt entlasten und blinden Aktionismus bei der verzweifelten Suche nach neuen Rekrut*innen beenden.

Die dadurch eingesparten Mittel sollten in die Stärkung der aktuell existierenden Freiwilligendienste investiert werden. Eine höhere Vergütung und kostenlose Nutzung des ÖPNV (#freiefahrtfuerfreiwillige) sind dabei nur zwei Forderungen, die bereits seit mehreren Jahren im FWD-Bereich artikuliert werden.

Ehrenamtliches Engagement ist der Kitt, der unsere Gesellschaft auch in schwierigen Zeiten zusammenhält. Eine Aufwertung der bestehenden Freiwilligendienste anstelle der Einführung eines Wehrdienst-Schnupperkurses wäre also eine deutlich sinnvollere Investition in den Heimatschutz.

 

Kianusch Stender